Seelisches Ertrinken (Text: Andrea Riener-Florian)

Ich treibe im Leben, die Sonne scheint, habe mein Gleichgewicht, fühle mich geborgen und von Harmonie umgeben und dann passiert es – unvorhergesehen, nicht geplant, unerwünscht – durch eine Unachtsamkeit meinerseits oder einem Sturm von außen, zuerst nur ein bisschen Wind, dann wie ein Tsunami, beginnt sich alles zu verändern….
Plötzlich ist nichts mehr, wie es war… der Körper und dann auch die Seele beginnen, aus dem Rahmen zu fallen, es wird unruhig, regelrecht panisch und was vorher Aufwind gab, wir zum Abgrund, es trifft mich mit voller Härte, umgibt mich, zieht mich runter. Angst macht sich breit und alles in mir beginnt sich zu sträuben und je mehr dieses Gefühl um sich greift, umso mehr verliere ich jegliches Gleichgewicht, jegliches Wohlfühlen. Was mich vorher getragen hatte, umschließt mich mit Forderung und erdrückt mich, was mich vorher entspannen lies, lässt mich innerlich erstarren, was vorher gut war, wird böse und hell wird dunkel.

Es nimmt mir die Luft zum Atmen, ich rudere und versuche eine neue Position zu finden, doch je mehr ich mich wehre, umso mehr gehe ich unter. Und dann kommt die größte Furchtsamkeit – aufzugeben, denn plötzlich fühlt es sich gut an, ich höre nichts mehr und verliere den Blick. Es wird still – keine verletzenden Worte mehr, keine bösen Fratzen, kein Schmerz, keine Rechtfertigung – nur Ruhe und Finsternis. Für einen kurzen Augenblick fühlt es sich gut an, gerecht und überstanden und ich gebe mich dem Abgrund hin….

Bis ein kleiner Teil in mir, ähnlich einem verlorenen Sonnenstrahl am Horizont aufschreit, Licht und Lärm vermisst, Luft haben will, Leben mit allem was dazugehört und ich beginne zu kämpfen. Mein Körper und meine Seele bäumen sich auf, kämpfen mit aller Kraft nach oben, sind bereit sich zu stellen, sich vom Leben umfassen zu lassen, denn Stille und Aufgabe würde den Tod bedeuten und dazu bin ich nicht bereit. Ich will spüren, leiden, lachen, atmen, lernen mit all den Facetten und diese Entscheidung treibt mich nach oben ins Licht.

Ich fülle meine Lungen, mein Herz, mein Gehirn und verbanne den Stillstand. Und dieses Gefühl lässt Kräfte emporsteigen, die übermenschlich sind und gestärkt, kraftvoll und bereit bin ich wieder da. Durchnässt von dem Regen des Leben, aber erfrischt von all der Klarheit, reingewaschen von all dem Schlechten, versuche ich, mein Gleichgewicht wiederzufinden, um offen an die weiteren Lebensaufgaben heranzugehen. Denn ich weiß, ich bin stark und umgeben von Kräften, die mir helfen, durchzuhalten und alles, was kommt, auszuhalten, um weiter leben zu können. Ich bin mehr, als schwarz oder weiß, kalt oder heiß, tot oder lebendig… und diese Vielfalt lässt mich aus einer Unmenge an Möglichkeiten schöpfen, jeglichen Stürmen des Lebens standzuhalten, genauso wie es unzählige Facetten bietet, die guten, ruhigen, glücklichen Zeiten zu genießen.

Ich bin bereit mich vom Schwall des Lebens umgeben zu lassen, manchmal oben treibend, manchmal untergehend, aber eines ist sicher: immer in Bewegung!