Die „Hitlerbauten“ in Linz

Fragt man so manchen Linzer nach seinem Wohnort, kann es mitunter passieren, dass man unumwunden die Antwort bekommt: „Na dort in den Hitlerbauten.“ Was Besucher wohl zu Recht erstaunt, ist Teil einer Linzer Selbstverständlichkeit. Die NS-Wohnbauten haben Linz verändert, prägen das Stadtbild und sind – anders als so manche NS-Monumentalbauten in der einstigen „Führerstadt“ – meist nicht Teil ethisch-historischer Debatten über den Umgang mit den braunen Flecken im Stadtbild. Dabei hat der „soziale“ Wohnbau der Nationalsozialisten keine andere Stadt in Österreich so nachhaltig geprägt wie Linz.

Alltags-Propaganda Linz stieg Ende der 1930er-Jahre zu einem Industriezentrum im „Deutschen Reich“ auf. Mit dem Spatenstich zum Bau der „Hermann-Göring-Werke“ 1938 und der Ansiedelung von Rüstungs- und Industriebetrieben wie den “ Eisenwerken Oberdonau“ startete auch die NS-Wohnbauoffensive. Während am Spallerhof und am Bindermichl Arbeiterwohnungen entstanden, blieb der Froschberg Offizieren und die „Führer-Siedlung“ in Linz-Harbach vor allem Parteigünstlingen vorbehalten.

Quelle: derstandard.at

Architektonisches Erbe des Nationalsozialismus

Die Einwohnerzahl der Stadt stieg zwischen 1938 und 1945 von 112.000 auf rund 195.000 – gleichzeitig wurden 11.000 neue Wohnungen gebaut. Die Bauarbeiten waren eng mit der dunklen Geschichte verknüpft: Das Material dafür wurde teils im Konzentrationslager Mauthausen, aber auch in vielen Nebenlagern hergestellt, Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene wurden zum Bau der Anlagen herangezogen.

Ideale Bedingungen für gegenseitige Überwachung
Charakteristisch für die „Hitlerbauten“ sind große Grünflächen, Gemeinschaftsanlagen und prägnante, klare Baukörper. Auch die städtebaulichen Gedanken der NS-Planer lassen sich in den Anlagen gut entdecken: die „kompakte Ausführung der Wohnblocks“ in normierten Grundrissen und hellhörige Wände bilden beinahe ideale Bedingungen für gegenseitige Kontrolle und Beobachtung. Je nach Berufs- und Sozialstruktur der Bewohner in der Entstehungszeit wurden Ein- und Mehrfamilienhäuser (für Offiziere und leitende Angestellte der Rüstungsindustrie), Gartenstadtanlagen (für Angestellte) oder Wohnblöcke (für Fabriksarbeiter) errichtet.

Wer eine Wohnung zugeteilt bekam, musste zuvor nicht nur Regimetreue, sondern oft auch eine intakte Familiensituation (vor allem eine möglichst große Zahl an „erbgesundem“ Nachwuchs) sowie körperliche und geistige Gesundheit belegen können.

Nach dem Krieg wurden die teils unvollendeten Bauten fertiggestellt, während der Luftangriffe beschädigte Wohnhäuser in den ersten Nachkriegsjahren repariert. Über die „Hitlerbauten“ und ihre Geschichte wurde kaum öffentlich kritisch gesprochen – anders als über NS-Repräsentationsarchitektur wie die Brückenkopfgebäude oder die Löwen am Linzer Hauptbahnhof.

Selbstverständlich „wie Coca-Cola“
Die gegenwärtigen Bewohner der Anlagen, und das betrifft immerhin jeden achten Linzer, sehen den Bezug zur NS-Zeit mit sehr unterschiedlichen Augen. Mancher wusste lange nichts von der Geschichte der Wohnhäuser, war etwa verwundert, von der Errichtung durch Zwangsarbeiter zu erfahren, für andere ist es nichts, worüber man im Alltag nachdenkt. „Das Wort ‚Hitlerbau‘ – für mich ist das wie ‚Coca-Cola‘, weißt du“, erklärt ein Bewohner.

Quelle: orf.at